Kein Geld verschenken: Stromverbrauch der Biogasanlage systematisch optimieren
TL;DR: Bei Biogasanlagen steckt der größte ungenutzte Hebel selten im Fermenter, sondern im elektrischen Eigenbedarf – Rührwerke, Pumpen, Förderung – und in den Konditionen für den zugekauften Strom. Sichtbar wird das nur mit einer Messung, die einzelne Verbraucher und den Netzbezug getrennt erfasst.

Warum der Eigenbedarf der blinde Fleck ist
Wer eine Biogasanlage betreibt, denkt bei „Effizienz“ zuerst an den Gärprozess und den Wirkungsgrad des Blockheizkraftwerks. Das ist richtig, aber unvollständig. Ein erheblicher Teil der wirtschaftlichen Wahrheit einer Anlage entscheidet sich an Stellen, die im Tagesgeschäft kaum jemand beobachtet: am elektrischen Eigenbedarf der Anlagentechnik und an den Konditionen, zu denen Reststrom aus dem Netz bezogen wird.
Der Eigenbedarf läuft rund um die Uhr, oft über Jahre unverändert weiter. Genau das macht ihn gefährlich: Eine dauerhaft leicht zu hoch eingestellte Pumpe oder ein durchlaufendes Rührwerk fällt nie als Störung auf – es kostet einfach jeden Tag ein wenig. Über ein Jahr summieren sich diese unauffälligen Verluste zu Beträgen, die jede einzelne Wartungsmaßnahme übersteigen können.
Die großen elektrischen Verbraucher
Rührwerke
Rührwerke gehören zu den größten elektrischen Dauerverbrauchern einer Biogasanlage. Ob sie kontinuierlich oder im Intervall laufen, mit welcher Drehzahl und wie lange, hat unmittelbaren Einfluss auf den Stromverbrauch – und nicht jede Einstellung, die den Fermenter sicher durchmischt, ist auch die energetisch sparsamste. Häufig sind Laufzeiten historisch gewachsen und wurden nie gegen den tatsächlichen Bedarf geprüft.
Pumpen und Förderung
Substrat- und Güllepumpen, die Beschickung sowie Förderschnecken arbeiten unter wechselnder Last. Falsch dimensionierte oder ungeregelte Pumpen verbrauchen dauerhaft mehr, als der Prozess verlangt. Eine bedarfsgeführte Steuerung statt Dauerbetrieb ist hier oft der wirksamste Hebel – aber nur, wenn man den Verbrauch einzeln sichtbar machen kann.
Wärme- und Hilfsaggregate
Heizkreispumpen, Lüftung, Gasaufbereitung und Steuerungstechnik wirken einzeln klein, in Summe aber nicht. Weil sie als „Grundlast“ gelten, werden sie selten hinterfragt – obwohl auch hier defekte oder falsch eingestellte Komponenten still Energie ziehen.
Der Netzbetreiber und die Bezugskonditionen
Eine Biogasanlage speist nicht nur ein, sie bezieht auch Strom – etwa in Schwach- oder Revisionsphasen. Wie dieser Bezug abgerechnet wird, hängt von Netzentgelten, der Konzessions- und Messsituation und der gewählten Abrechnungsvariante ab. Wer Leistungspreis, Arbeitspreis und die gemessenen Lastspitzen nicht regelmäßig gegen die tatsächlichen Werte prüft, zahlt unter Umständen für eine Leistung, die er gar nicht abruft. Auch hier gilt: Ohne saubere Messung bleibt die Bewertung eine Schätzung.
Messen statt schätzen
Der gemeinsame Nenner aller genannten Punkte ist die Datenlage. Ein einzelner Summenzähler am Anschlusspunkt zeigt nur, dass Strom verbraucht wird – nicht, wo und warum. Erst eine Messung, die einzelne Verbraucher, den Eigenbedarf und den Netzbezug getrennt in hoher zeitlicher Auflösung erfasst, macht die Schwachstellen sichtbar. Aus einem Lastgang lässt sich ablesen, welches Aggregat wann läuft, ob Lastspitzen vermeidbar sind und ob ein Verbraucher außerhalb seines Sollbereichs arbeitet.
Was eine belastbare Erfassung leisten muss
- Getrennte Messpunkte: Rührwerke, Pumpen und Eigenbedarf einzeln statt nur als Summe.
- Hohe zeitliche Auflösung: Ein Viertelstunden- oder feinerer Lastgang statt Monatssummen, sonst verschwinden genau die Spitzen und Dauerläufer, auf die es ankommt.
- Abgleich mit der Abrechnung: Gemessene Werte gegen die Netzabrechnung halten, um Plausibilität und Konditionen zu prüfen.
Stolperfallen aus der Praxis
- Nur den BHKW-Wirkungsgrad im Blick: Der Gärprozess ist wichtig, aber der elektrische Eigenbedarf bleibt oft jahrelang unbeobachtet – dort liegt häufig der schneller hebbare Anteil.
- Dauerbetrieb als Normalzustand: Rührwerke und Pumpen laufen „weil sie immer liefen“ – ohne dass jemand die Laufzeit je gegen den Bedarf geprüft hat.
- Nur Summenzähler: Ein einziger Zähler am Anschluss verbirgt die Verteilung; ohne Untermessung bleibt jede Optimierung Raterei.
- Monatswerte statt Lastgang: Monatssummen glätten Lastspitzen und Dauerverbraucher weg – genau die Information, die man zur Optimierung braucht.
- Bezugskonditionen nie geprüft: Leistungspreis und gemessene Spitzen werden über Jahre fortgeschrieben, ohne sie gegen die reale Abnahme zu halten.
Fazit
Die wirtschaftliche Reserve einer Biogasanlage liegt selten im Fermenter allein. Sie verteilt sich auf den elektrischen Eigenbedarf – Rührwerke, Pumpen, Hilfsaggregate – und auf die Konditionen des Strombezugs. Keiner dieser Punkte lässt sich seriös ohne Daten bewerten. Wer einzelne Verbraucher und den Netzbezug getrennt und in hoher Auflösung misst, sieht die Schwachstellen, statt sie zu vermuten – und verschenkt kein Geld mehr an Stellen, die niemand beobachtet.
Wir lesen Anlage und Lastgang herstellerunabhängig aus und optimieren gegen den realen Strommarkt.
FAQ
Wo verliert eine Biogasanlage am ehesten Geld beim Strom?
Meist nicht im Gärprozess, sondern im elektrischen Eigenbedarf – vor allem bei Rührwerken und Pumpen, die länger oder stärker laufen als nötig – sowie in nicht geprüften Bezugskonditionen für zugekauften Strom. Diese Verluste fallen nie als Störung auf und laufen deshalb oft jahrelang unbemerkt mit.
Warum reicht der Zähler am Netzanschluss nicht aus?
Ein Summenzähler zeigt nur, dass und wie viel Strom insgesamt fließt, aber nicht, welcher Verbraucher dafür verantwortlich ist. Ohne Untermessung einzelner Aggregate bleibt jede Optimierung eine Schätzung, weil man die Schwachstelle nicht lokalisieren kann.
Was ist der Vorteil eines Lastgangs gegenüber Monatswerten?
Ein Lastgang in hoher zeitlicher Auflösung macht sichtbar, wann welcher Verbraucher läuft, ob Lastspitzen entstehen und ob ein Aggregat dauerhaft außerhalb seines Sollbereichs arbeitet. Monatssummen glätten genau diese Information weg.
Lohnt es sich, die Rührwerk-Laufzeiten zu prüfen?
Häufig ja, denn Rührwerke gehören zu den größten elektrischen Dauerverbrauchern. Ob die eingestellte Laufzeit und Drehzahl wirklich nötig sind, lässt sich aber nur beurteilen, wenn man den Verbrauch einzeln misst und gegen den Durchmischungsbedarf hält – ohne Daten bleibt es Vermutung.
Sollte man die Strombezugskonditionen regelmäßig prüfen?
Ja. Netzentgelte, Leistungspreis und die abgerechneten Lastspitzen werden oft über Jahre unverändert fortgeschrieben. Ein Abgleich der gemessenen Werte mit der Netzabrechnung deckt auf, ob für eine Leistung gezahlt wird, die gar nicht abgerufen wird.
Herstellerunabhängig, auf echten Anlagendaten.