Was ist Blindleistung? Einfach erklärt

Blindleistung ist der Teil der Leistung, der zwischen Netz und Gerät hin- und herpendelt, ohne dass Arbeit dabei herauskommt — gemessen in var (bzw. kvar). Sie wird nicht verbraucht, muss aber trotzdem durch jedes Kabel, jede Sicherung und jeden Trafo transportiert werden, und genau deshalb kann sie dich Geld kosten.
Bei Wechselstrom laufen Spannung und Strom nicht immer im Gleichtakt. Der Teil, der im Takt läuft, ist die Wirkleistung P in Kilowatt — daraus wird Bewegung, Wärme, Licht. Der Teil, der versetzt läuft, ist die Blindleistung Q in var: Sie fließt in der einen Halbwelle ins Gerät und in der nächsten wieder zurück ins Netz. Am Ende der Stunde ist sie netto null Arbeit — aber sie war die ganze Zeit als Strom auf der Leitung unterwegs.

Der ehrlichste Beweis ist eine Strommessung. Legst du eine Zange um die Zuleitung und misst 40 A bei 400 V dreiphasig, sind das rund 27,7 kVA Scheinleistung — das ist die Leistung, die die Leitung wirklich tragen muss. Zeigt dein Zähler gleichzeitig nur 22 kW an, fehlen 5,7 kW auf den ersten Blick. Sie fehlen nicht, sie sind blind: Der Leistungsfaktor liegt bei rund 0,79, die Blindleistung bei etwa 16,8 kvar. Merksatz: Ampere und Volt sagen dir, wie dick das Kabel sein muss — die Kilowatt sagen dir nur, was hinten an Nutzen herauskommt.

Alles, was ein Magnetfeld aufbauen muss, zieht induktive Blindleistung: Motoren, Pumpen, Lüfter, Kompressoren in Kälteanlagen, Transformatoren, Schweißgeräte, alte Vorschaltgeräte. Je weiter ein Motor vom Volllastpunkt entfernt läuft, desto schlechter wird sein cos φ — ein zu groß gewählter Motor im Teillastbetrieb ist ein typischer Blindleistungs-Treiber. Das Gegenstück ist kapazitive Blindleistung aus Kondensatoren, langen Kabelstrecken und Entstörfiltern; sie wirkt der induktiven entgegen und ist genau der Grund, warum Kompensation überhaupt funktioniert.

Das ist der Punkt, an dem Blindleistung vom Physik-Thema zum Kostenthema wird. Ein normaler Haushaltszähler erfasst überhaupt keine Blindarbeit — steht bei dir nichts dazu auf der Rechnung, zahlst du auch nichts. Bei Gewerbe- und Industriekunden mit Leistungsmessung sitzt dagegen ein eigenes Zählwerk für Blindarbeit in kvarh im Zähler, üblich als OBIS-Kennziffer 3.8.0 (induktiv) und 4.8.0 (kapazitiv). Abgerechnet wird meist mit einer Freimenge: Blindarbeit bis zu einem Leistungsfaktor von etwa 0,9 — also ungefähr 50 Prozent deiner kWh — ist frei, jede kvarh darüber wird berechnet. Wie viel eine kvarh kostet, steht ausschließlich im Preisblatt deines Netzbetreibers; eine bundesweit gültige Zahl dafür gibt es nicht. Frag den Wert dort ab, statt ihn zu schätzen.

Nimm deine Jahres- oder Monatsabrechnung und suche zwei Zahlen aus demselben Zeitraum: die Wirkarbeit in kWh und die Blindarbeit in kvarh. Teile kvarh durch kWh — das Ergebnis ist tan φ. Liegt es unter etwa 0,48, ist dein Leistungsfaktor besser als 0,9 und du bist in der Regel innerhalb der Freimenge. Liegt es darüber, zahlst du vermutlich schon Blindarbeit, und der Abstand zur 0,48 zeigt dir, wie weit du daneben liegst. Findest du gar keine kvarh-Zeile, wird bei dir keine Blindarbeit gemessen — dann ist das Thema für deine Rechnung erledigt.
Blindleistung lässt sich nicht wegsparen, aber vor Ort erzeugen. Eine Kompensationsanlage schaltet Kondensatoren parallel zur Anlage; sie liefern die induktive Blindleistung, die deine Motoren brauchen, sodass sie nicht mehr aus dem Netz geholt werden muss. Dadurch sinken der Strom auf der Zuleitung, die Verluste in Kabel und Trafo und eben die kvarh auf der Rechnung. Wichtig für die Erwartung: Deine Kilowattstunden werden dadurch nicht weniger — der Arbeitspreis bleibt, gespart wird an der Blindarbeit und an Reserve im Anschluss. Für die Auslegung braucht ein Elektrofachbetrieb deinen heutigen cos φ und den Zielwert; nach Umbauten an Motoren oder LED-Beleuchtung gehört die Anlage neu geprüft, sonst kippt sie in Überkompensation.
- Warum fast jede Stromabrechnung 2026 falsch ist
- Blind- & Scheinleistung auf der Rechnung
- Lohnt sich ein Batteriespeicher (BESS)?
- Negative Strompreise 2026 automatisch abregeln
- Lastspitzen vermeiden (Flex)
- §51-Schaden berechnen