Scheinleistung: Formel und Praxis einfach erklärt

Die Scheinleistung S ist das Produkt aus Spannung und Strom und wird in Voltampere (VA) angegeben. Sie ist die Leistung, die dein Netz tatsächlich bereitstellen und übertragen muss – auch wenn nur ein Teil davon als nutzbare Wirkleistung ankommt.
Im einphasigen Wechselstromnetz gilt: S = U · I. Bei 230 V und 10 A sind das S = 2.300 VA = 2,3 kVA. Im dreiphasigen Drehstromnetz rechnest du mit S = √3 · U · I (mit U = 400 V verkettete Spannung). Wichtig: Bei S multiplizierst du einfach Spannung mal Strom – der Verschiebungswinkel cosφ steckt hier noch nicht drin.

Die Scheinleistung setzt sich aus Wirkleistung P (in Watt, die nutzbare Leistung) und Blindleistung Q (in var) zusammen. Es gilt der Satz des Pythagoras im Leistungsdreieck: S² = P² + Q². Umgestellt: S = √(P² + Q²). Die Wirkleistung ergibt sich aus P = S · cosφ, die Blindleistung aus Q = S · sinφ. Der Leistungsfaktor cosφ = P/S sagt dir, welcher Anteil der Scheinleistung wirklich arbeitet.

Ein Motor zieht P = 4 kW Wirkleistung bei einem cosφ von 0,8. Dann ist die Scheinleistung S = P / cosφ = 4 kW / 0,8 = 5 kVA. Die Blindleistung: Q = √(S² − P²) = √(5² − 4²) = √9 = 3 kvar. Das Netz muss also 5 kVA liefern, obwohl nur 4 kW nutzbar sind – die restlichen 3 kvar pendeln als Blindleistung hin und her.

Je kleiner der cosφ, desto größer wird die Scheinleistung bei gleicher Wirkleistung – und damit auch der Strom, der durch Leitungen, Trafos und Sicherungen fließt. Bei einem cosφ von 0,7 fließt fast so viel Blind- wie Wirkleistung. Größere Ströme bedeuten dickere Kabel, höhere Verluste und stärker belastete Netzkomponenten. Deshalb legen Netzbetreiber Anlagen nach der Scheinleistung (kVA) aus, nicht nach der Wirkleistung (kW).

Bei Haushalten wird nur die Wirkleistung in kWh abgerechnet – die Scheinleistung siehst du dort nicht direkt. Anders bei Gewerbe- und Industriekunden mit registrierender Leistungsmessung: Hier wird oft ein Leistungspreis (€/kW) auf die höchste bezogene Leistung fällig, und viele Netzbetreiber berechnen zusätzlich einen Blindarbeitspreis, wenn der cosφ einen Grenzwert (häufig 0,9) unterschreitet. Ein schlechter Leistungsfaktor treibt so die Blindarbeit hoch – und damit einen zusätzlichen Posten auf der Abrechnung.
Um Scheinleistung und damit Blindarbeitskosten zu senken, wird der cosφ mit Kompensationsanlagen verbessert – meist Kondensatoren, die die induktive Blindleistung von Motoren und Trafos ausgleichen. Ziel ist ein cosφ nahe 1. Dadurch nähert sich die Scheinleistung der Wirkleistung an, der Netzstrom sinkt, und du vermeidest Blindarbeitszuschläge auf der Rechnung.
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